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E.T.A. Hoffmann
Des Vetters
Eckfenster
Erzählung
Meinen armen Vetter trifft gleiches Schicksal
mit dem bekannten Scarron. So wie dieser hat mein Vetter durch
eine hartnäckige Krankheit den Gebrauch seiner Füße gänzlich
verloren, und es tut not, daß er sich, mit Hilfe standhafter
Krücken und des nervichten Arms eines grämlichen Invaliden,
der nach Belieben den Krankenwärter macht, aus dem Bette in den
mit Kissen bepackten Lehnstuhl, und aus dem Lehnstuhl in das
Bette schrotet. Aber noch eine Ähnlichkeit trägt mein Vetter
mit jenem Franzosen, den eine besondere, aus dem gewöhnlichen
Gleise des französischen Witzes ausweichende Art des Humors
trotz der Sparsamkeit seiner Erzeugnisse in der französischen
Literatur feststellte. So wie Scarron schriftstellert mein
Vetter; so wie Scarron ist er mit besonderer lebendiger Laune
begabt und treibt wunderlichen humoristischen Scherz auf seine
eigne Weise. Doch zum Ruhme des deutschen Schriftstellers sei es
bemerkt, daß er niemals für nötig achtete, seine kleinen
pikanten Schüsseln mit Asa fötida zu würzen, um die Gaumen
seiner deutschen Leser, die dergleichen nicht wohl vertragen, zu
kitzeln. Es genügt ihm das edle Gewürz, welches, indem es
reizt, auch stärkt. Die Leute lesen gerne, was er schreibt; es
soll gut sein und ergötzlich; ich verstehe mich nicht darauf.
Mich erlabte sonst des Vetters Unterhaltung, und es schien mir
gemütlicher, ihn zu hören, als ihn zu lesen. Doch eben dieser
unbesiegbare Hang zur Schriftstellerei hat schwarzes Unheil
über meinen armen Vetter gebracht; die schwerste Krankheit
vermochte nicht den raschen Rädergang der Phantasie zu hemmen,
der in seinem Innern fortarbeitete, stets Neues und Neues
erzeugend. So kam es, daß er mir allerlei anmutige Geschichten
erzählte, die er, des mannigfachen Wehs, das er duldete,
unerachtet, ersonnen. Aber den Weg, den der Gedanke verfolgen
mußte, um auf dem Papiere gestaltet zu erscheinen, hatte der
böse Dämon der Krankheit versperrt. Sowie mein Vetter etwas
aufschreiben wollte, versagten ihm nicht allein die Finger den
Dienst, sondern der Gedanke selbst war verstoben und verflogen.
Darüber verfiel mein Vetter in die schwärzeste Melancholie.
»Vetter!« sprach er eines Tages zu mir, mit einem Ton, der
mich erschreckte, »Vetter, mit mir ist es aus! Ich komme mir
vor wie jener alte, vom Wahnsinn zerrüttete Maler, der tagelang
vor einer in den Rahmen gespannten grundierten Leinewand saß
und allen, die zu ihm kamen, die mannigfachen Schönheiten des
reichen, herrlichen Gemäldes anpries, das er soeben vollendet;
– ich geb's auf, das wirkende, schaffende Leben, welches, zur
äußern Form gestaltet, aus mir selbst hinaustritt, sich mit
der Welt befreundend! – Mein Geist zieht sich in seine Klause
zurück!« Seit der Zeit ließ sich mein Vetter weder vor mir,
noch vor irgendeinem andern Menschen sehen. Der alte grämliche
Invalide wies uns murrend und keifend von der Türe weg wie ein
beißiger Haushund. –
Es ist nötig zu sagen, daß mein Vetter
ziemlich hoch in kleinen niedrigen Zimmern wohnt. Das ist nun
Schriftsteller- und Dichtersitte. Was tut die niedrige
Stubendecke? Die Phantasie fliegt empor und baut sich ein hohes,
lustiges Gewölbe bis in den blauen glänzenden Himmel hinein.
So ist des Dichters enges Gemach, wie jener zwischen vier Mauern
eingeschlossene, zehn Fuß ins Gevierte große Garten, zwar
nicht breit und lang, hat aber stets eine schöne Höhe. Dabei
liegt aber meines Vetters Logis in dem schönsten Teile der
Hauptstadt, nämlich auf dem großen Markte, der von
Prachtgebäuden umschlossen ist und in dessen Mitte das kolossal
und genial gedachte Theatergebäude prangt. Es ist ein Eckhaus,
was mein Vetter bewohnt, und aus dem Fenster eines kleinen
Kabinetts übersieht er mit einem Blick das ganze Panorama des
grandiosen Platzes.
Es war gerade Markttag, als ich, mich durch das
Volksgewühl durchdringend, die Straße hinab kam, wo man schon
aus weiter Ferne meines Vetters Eckfenster erblickt. Nicht wenig
erstaunte ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote
Mützchen entgegenleuchtete, welches mein Vetter in guten Tagen
zu tragen pflegte. Noch mehr! Als ich näher kam, gewahrte ich,
daß mein Vetter seinen stattlichen Warschauer Schlafrock
angelegt und aus der türkischen Sonntagspfeife Tabak rauchte.
– Ich winkte ihm zu, ich wehte mit dem Schnupftuch hinauf; es
gelang mir, seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, er nickte
freundlich. Was für Hoffnungen! – Mit Blitzesschnelle eilte
ich die Treppe hinauf. Der Invalide öffnete die Türe; sein
Gesicht, das sonst, runzlicht und faltig, einem naßgewordenen
Handschuh glich, hatte wirklich einiger Sonnenschein zur
passabeln Fratze ausgeglättet. Er meinte, der Herr säße im
Lehnstuhl und sei zu sprechen. Das Zimmer war reingemacht und an
dem Bettschirm ein Bogen Papier befestigt, auf dem mit großen
Buchstaben die Worte standen:
»Et si male nunc, non olim sic erit.«
Alles deutete auf wiedergekehrte Hoffnung, auf
neuerweckte Lebenskraft. – »Ei«, rief mir der Vetter
entgegen, als ich in das Kabinett trat, »ei, kommst du endlich,
Vetter; weißt du wohl, daß ich rechte Sehnsucht nach dir
empfunden? Denn unerachtet du den Henker was nach meinen
unsterblichen Werken frägst, so habe ich dich doch lieb, weil
du ein munterer Geist bist und amüsable, wenn auch gerade nicht
amüsant.«
Ich fühlte, daß mir bei dem Kompliment meines
aufrichtigen Vetters das Blut ins Gesicht stieg.
»Du glaubst«, fuhr der Vetter fort, ohne auf
meine Bewegung zu achten, »du glaubst mich gewiß in voller
Besserung oder gar von meinem Übel hergestellt. Dem ist
beileibe nicht so. Meine Beine sind durchaus ungetreue Vasallen,
die dem Haupt des Herrschers abtrünnig geworden und mit meinem
übrigen werten Leichnam nichts mehr zu schaffen haben wollen.
Das heißt, ich kann mich nicht aus der Stelle rühren und karre
mich in diesem Räderstuhl hin und her auf anmutige Weise, wozu
mein alter Invalide die melodiösesten Märsche aus seinen
Kriegsjahren pfeift. Aber dies Fenster ist mein Trost, hier ist
mir das bunte Leben aufs neue aufgegangen, und ich fühle mich
befreundet mit seinem niemals rastenden Treiben. Komm, Vetter,
schau hinaus!«
Ich setzte mich, dem Vetter gegenüber, auf ein
kleines Taburett, das gerade noch im Fensterraum Platz hatte.
Der Anblick war in der Tat seltsam und überraschend. Der ganze
Markt schien eine einzige, dicht zusammengedrängte Volksmasse,
so daß man glauben mußte, ein dazwischengeworfener Apfel
könne niemals zur Erde gelangen. Die verschiedensten Farben
glänzten im Sonnenschein, und zwar in ganz kleinen Flecken, auf
mich machte dies den Eindruck eines großen, vom Winde bewegten,
hin und her wogenden Tulpenbeets, und ich mußte mir gestehen,
daß der Anblick zwar recht artig, aber auf die Länge ermüdend
sei, ja wohl gar aufgereizten Personen einen kleinen Schwindel
verursachen könne, der dem nicht unangenehmen Delirieren des
nahenden Traums gliche; darin suchte ich das Vergnügen, das das
Eckfenster dem Vetter gewähre, und äußerte ihm dieses ganz
unverhohlen.
Der Vetter schlug aber die Hände über den Kopf
zusammen, und es entspann sich zwischen uns folgendes Gespräch.
Der Vetter. Vetter, Vetter! nun sehe ich
wohl, daß auch nicht das kleinste Fünkchen von
Schriftstellertalent in dir glüht. Das erste Erfordernis fehlt
dir dazu, um jemals in die Fußstapfen deines würdigen lahmen
Vetters zu treten; nämlich ein Auge, welches wirklich schaut.
Jener Markt bietet dir nichts dar als den Anblick eines
scheckichten, sinnverwirrenden Gewühls des in bedeutungsloser
Tätigkeit bewegten Volks. Hoho, mein Freund, mir entwickelt
sich daraus die mannigfachste Szenerie des bürgerlichen Lebens,
und mein Geist, ein wackerer Callot oder moderner Chodowiecki,
entwirft eine Skizze nach der andern, deren Umrisse oft keck
genug sind. Auf, Vetter! ich will sehen, ob ich dir nicht
wenigstens die Primizien der Kunst zu schauen beibringen kann.
Sieh einmal gerade vor dich herab in die Straße; hier hast du
mein Glas, bemerkst du wohl die etwas fremdartig gekleidete
Person mit dem großen Marktkorbe am Arm, die, mit einem
Bürstenbinder in tiefem Gespräch begriffen, ganz geschwinde
andere Domestika abzumachen scheint, als die des Leibes Nahrung
betreffen?
Ich. Ich habe sie gefaßt. Sie hat ein grell
zitronenfarbiges Tuch nach französischer Art turbanähnlich um
den Kopf gewunden, und ihr Gesicht sowie ihr ganzes Wesen zeigt
deutlich die Französin. Wahrscheinlich eine Restantin aus dem
letzten Kriege, die ihr Schäfchen hier ins trockne gebracht.
Der Vetter. Nicht übel geraten. Ich wette,
der Mann verdankt irgendeinem Zweige französischer Industrie
ein hübsches Auskommen, so daß seine Frau ihren Marktkorb mit
ganz guten Dingen reichlich füllen kann. Jetzt stürzt sie sich
ins Gewühl. Versuche, Vetter, ob du ihren Lauf in den
verschiedensten Krümmungen verfolgen kannst, ohne sie aus dem
Auge zu verlieren; das gelbe Tuch leuchtet dir vor.
Ich. Ei, wie der brennende gelbe Punkt die
Masse durchschneidet. Jetzt ist sie schon der Kirche nah –
jetzt feilscht sie um etwas bei den Buden – jetzt ist sie fort
– o weh! ich habe sie verloren – nein, dort am Ende
duckt sie wieder auf – dort bei dem Geflügel – sie ergreift
eine getupfte Gans – sie betastet sie mit kennerischen
Fingern. –
Der Vetter. Gut, Vetter, das Fixieren des
Blicks erzeugt das deutliche Schauen. Doch statt dich auf
langweilige Weise in einer Kunst unterrichten zu wollen, die
kaum zu erlernen, laß mich lieber dich auf allerlei
Ergötzliches aufmerksam machen, welches sich vor unsern Augen
auftut. Bemerkst du wohl jenes Frauenzimmer, die sich an der
Ecke dort, unerachtet das Gedränge gar nicht zu groß, mit
beiden spitzen Ellenbogen Platz macht?
Ich. Was für eine tolle Figur – ein
seidner Hut, der in kapriziöser Formlosigkeit stets jeder Mode
Trotz geboten, mit bunten, in den Lüften wehenden Federn –
ein kurzer seidner Überwurf, dessen Farbe in das ursprüngliche
Nichts zurückgekehrt – darüber ein ziemlich honetter Shawl
– der Florbesatz des gelbkattunenen Kleides reicht bis an die
Knöchel – blaugraue Strümpfe – Schnürstiefeln – hinter
ihr eine stattliche Magd mit zwei Marktkörben, einem Fischnetz,
einem Mehlsack. – Gott sei bei uns! was die seidene Person
für wütende Blicke um sich wirft, mit welcher Wut sie
eindringt in die dicksten Haufen – wie sie alles angreift,
Gemüse, Obst, Fleisch usw.; wie sie alles beäugelt, betastet,
um alles feilscht und nichts erhandelt. –
Der Vetter. Ich nenne diese Person, die
keinen Markttag fehlt, die rabiate Hausfrau. Es kommt mir vor,
als müsse sie die Tochter eines reichen Bürgers, vielleicht
eines wohlhabenden Seifensieders sein, deren Hand nebst annexis
ein kleiner Geheimsekretär nicht ohne Anstrengung erworben. Mit
Schönheit und Grazie hat sie der Himmel nicht ausgestattet,
dagegen galt sie bei allen Nachbaren für das häuslichste,
wirtschaftlichste Mädchen, und in der Tat, sie ist auch so
wirtschaftlich und wirtschaftet jeden Tag vom Morgen bis in den
Abend auf solche entsetzliche Weise, daß dem armen
Geheimsekretär darüber Hören und Sehen vergeht und er sich
dorthin wünscht, wo der Pfeffer wächst. Stets sind alle
Pauken- und Trompetenregister der Einkäufe, der Bestellungen,
des Kleinhandels und der mannigfachen Bedürfnisse des
Hauswesens gezogen, und so gleicht des Geheimsekretärs
Wirtschaft einem Gehäuse, in dem ein aufgezogenes Uhrwerk ewig
eine tolle Sinfonie, die der Teufel selbst komponiert hat,
fortspielt; ungefähr jeden vierten Markttag wird sie von einer
andern Magd begleitet. –
Sapienti sat! – Bemerkst du wohl – doch
nein, nein, diese Gruppe, die soeben sich bildet, wäre würdig,
von dem Krayon eines Hogarths verewigt zu werden. Schau doch nur
hin, Vetter, in die dritte Türöffnung des Theaters!
Ich. Ein paar alte Weiber auf niedrigen
Stühlen sitzend – ihr ganzer Kram in einem mäßigen Korbe
vor sich ausgebreitet – die eine hält bunte Tücher feil,
sogenannte Vexierware, auf den Effekt für blöde Augen
berechnet – die andere hält eine Niederlage von blauen und
grauen Strümpfen, Strickwolle usw. Sie haben sich zueinander
gebeugt – sie zischeln sich in die Ohren – die eine genießt
ein Schälchen Kaffee; die andere scheint, ganz hingerissen von
dem Stoff der Unterhaltung, das Schnäpschen zu vergessen, das
sie eben hinabgleiten lassen wollte; in der Tat ein paar
auffallende Physiognomien! Welches dämonische Lächeln –
welche Gestikulation mit den dürren Knochenärmen! –
Der Vetter. Diese beiden Weiber sitzen
beständig zusammen, und unerachtet die Verschiedenheit ihres
Handels keine Kollision und also keinen eigentlichen Brotneid
zuläßt, so haben sie sich doch bis heute stets mit
feindseligen Blicken angeschielt und sich, darf ich meiner
geübten Physiognomik trauen, diverse höhnische Redensarten
zugeworfen. Oh, sieh, sieh, Vetter, immer mehr werden sie ein
Herz und eine Seele. Die Tuchverkäuferin teilt der
Strumpfhändlerin ein Schälchen Kaffee mit. Was hat das zu
bedeuten? Ich weiß es! Vor wenigen Minuten trat ein junges
Mädchen von höchstens sechzehn Jahren, hübsch wie der Tag,
deren ganzem Äußern, deren ganzem Betragen man Sitte und
verschämte Dürftigkeit ansah, angelockt von der Vexierware, an
den Korb. Ihr Sinn war auf ein weißes Tuch mit bunter Borte
gerichtet, dessen sie vielleicht eben sehr bedurfte. Sie
feilschte darum, die Alte wandte alle Künste merkantilischer
Schlauheit an, indem sie das Tuch ausbreitete und die grellen
Farben im Sonnenschein schimmern ließ. Sie wurden handelseinig.
Als nun aber die Arme aus dem Schnupftuchzipfel die kleine Kasse
entwickelte, reichte die Barschaft nicht hin zu solcher Ausgabe.
Mit hochglühenden Wangen, helle Tränen in den Augen, entfernte
sich das Mädchen, so schnell sie konnte, während die Alte,
höhnisch auflachend, das Tuch zusammenfaltete und in den Korb
zurückwarf. Artige Redensarten mag es dabei gegeben haben. Aber
nun kennt der andere Satan die Kleine und weiß die traurige
Geschichte einer verarmten Familie aufzutischen als eine
skandalöse Chronik von Leichtsinn und vielleicht gar
Verbrechen, zur Gemütsergötzlichkeit der getäuschten
Krämerin. Mit der Tasse Kaffee wurde gewiß eine derbe,
faustdicke Verleumdung belohnt. –
Ich. Von allem, was du da herauskombinierst,
lieber Vetter, mag kein Wörtchen wahr sein, aber indem ich die
Weiber anschaue, ist mir, Dank sei es deiner lebendigen
Darstellung, alles so plausibel, daß ich daran glauben muß,
ich mag wollen oder nicht.
Der Vetter. Ehe wir uns von der Theaterwand
abwenden, laß uns noch einen Blick auf die dicke gemütliche
Frau mit vor Gesundheit strotzenden Wangen werfen, die in
stoischer Ruhe und Gelassenheit, die Hände unter die weiße
Schürze gesteckt, auf einem Rohrstuhle sitzt und vor sich einen
reichen Kram von hellpolierten Löffeln, Messern und Gabeln,
Fayence, porzellanenen Tellern und Terrinen von verjährter
Form, Teetassen, Kaffeekannen, Strumpfware, und was weiß ich
sonst, auf weißen Tüchern ausgebreitet hat, so daß ihr
Vorrat, wahrscheinlich aus kleinen Auktionen
zusammengestümpert, einen wahren Orbis pictus bildet. Ohne
sonderlich eine Miene zu verziehen, hört sie das Gebot des
Feilschenden, sorglos, ob aus dem Handel was wird oder nicht;
schlägt zu, streckt die eine Hand unter der Schürze hervor, um
eben nur das Geld vom Käufer zu empfangen, den sie die erkaufte
Ware selbst fortnehmen läßt. Das ist eine ruhige, besonnene
Handelsfrau, die was vor sich bringen wird. Vor vier Wochen
bestand ihr ganzer Kram in ungefähr einem halben Dutzend feiner
baumwollener Strümpfe und ebensoviel Trinkgläsern. Ihr Handel
steigt mit jedem Markt, und da sie keinen bessern Stuhl
mitbringt, die Hände auch noch ebenso unter die Schürze steckt
wie sonst, so zeigt das, daß sie Gleichmut des Geistes besitzt
und sich durch das Glück nicht zu Stolz und Übermut verleiten
läßt. Wie kommt mir doch plötzlich die skurrile Idee zu Sinn!
Ich denke mir in diesem Augenblick ein ganz kleines
schadenfrohes Teufelchen, das, wie auf jenem Hogarthischen Blatt
unter den Stuhl der Betschwester, hier unter den Sessel der
Krämerfrau gekrochen ist und, neidisch auf ihr Glück,
heimtückischerweise die Stuhlbeine wegsägt. Plump! fällt sie
in ihr Glas und Porzellan, und mit dem ganzen Handel ist es aus.
Das wäre denn doch ein Fallissement im eigentlichsten Sinne des
Wortes. –
Ich. Wahrhaftig, lieber Vetter, du hast mich
jetzt schon besser schauen gelehrt. Indem ich meinen Blick in
dem bunten Gewühl der wogenden Menge umherschweifen lasse,
fallen mir hin und wieder junge Mädchen in die Augen, die, von
sauber angezogenen Köchinnen, welche geräumige, glänzende
Marktkörbe am Arme tragen, begleitet, den Markt durchstreifen
und um Hausbedürfnisse, wie sie der Markt darbietet, feilschen.
Der Mädchen modester Anzug, ihr ganzer Anstand läßt nicht
daran zweifeln, daß sie wenigstens vornehmen bürgerlichen
Standes sind. Wie kommen diese auf den Markt?
Der Vetter. Leicht erklärlich. Seit einigen
Jahren ist es Sitte geworden, daß selbst die Töchter höherer
Staatsbeamten auf den Markt geschickt werden, um den Teil der
Hauswirtschaft, was den Einkauf der Lebensmittel betrifft,
praktisch zu erlernen.
Ich. In der Tat eine löbliche Sitte, die
nächst dem praktischen Nutzen zu häuslicher Gesinnung führen
muß.
Der Vetter. Meinst du, Vetter? Ich für mein
Teil glaube das Gegenteil. Was kann der Selbsteinkauf für
andere Zwecke haben, als sich von der Güte der Ware und von den
wirklichen Marktpreisen zu überzeugen? Die Eigenschaften, das
Ansehn, die Kennzeichen eines guten Gemüses, eines guten
Fleisches usw., lernt die angehende Hausfrau sehr leicht auf
andere Weise erkennen, und das kleine Ersparnis der sogenannten
Schwenzelpfennige, das nicht einmal stattfindet, da die
begleitende Köchin mit den Verkäufern sich unbedenklich
insgeheim versteht, wiegt den Nachteil nicht auf, den der Besuch
des Markts sehr leicht herbeiführen kann. Niemals würde ich um
den Preis von etlichen Pfennigen meine Tochter der Gefahr
aussetzen, eingedrängt in den Kreis des niedrigsten Volks, eine
Zote zu hören oder irgendeine lose Rede eines brutalen Weibes
oder Kerls einschlucken zu müssen. – Und dann, was gewisse
Spekulationen liebeseufzender Jünglinge in blauen Röcken zu
Pferde oder in gelben Flauschen mit schwarzen Kragen zu Fuß
betrifft, so ist der Markt – Doch sieh, sieh, Vetter! wie
gefällt dir das Mädchen, das soeben dort an der Pumpe, von der
ältlichen Köchin begleitet, daherkommt? Nimm mein Glas, nimmt
mein Glas, Vetter!
Ich. Ha, was für ein Geschöpf, die Anmut,
die Liebenswürdigkeit selbst – aber sie schlägt die Augen
verschämt nieder – jeder ihrer Schritte ist furchtsam –
wankend – schüchtern hält sie sich an ihre Begleiterin, die
ihr mit forciertem Angriff den Weg ins Gedränge bahnt – ich
verfolgte sie – da steht die Köchin still vor den
Gemüsekörben – sie feilscht – sie zieht die Kleine heran,
die mit halb weggewandtem Gesicht ganz geschwinde, geschwinde
Geld aus dem Beutelchen nimmt und es hinreicht, froh, nur wieder
loszukommen – ich kann sie nicht verlieren, Dank sei es dem
roten Shawl – sie scheinen etwas vergeblich zu suchen –
endlich, endlich, dort weilen sie bei einer Frau, die in
zierlichen Körben feines Gemüse feilbietet – der holden
Kleinen ganze Aufmerksamkeit fesselt ein Korb mit dem schönsten
Blumenkohl – das Mädchen selbst wählt einen Kopf und legt
ihn der Köchin in den Korb, – wie, die Unverschämte! –
ohne weiteres nimmt sie den Kopf aus dem Korbe heraus, legt ihn
in den Korb der Verkäuferin zurück und wählt einen andern,
indem ihr heftiges Schütteln mit dem gewichtigen
kantenhaubengeschmückten Haupte noch dazu bemerken läßt, daß
sie die arme Kleine, welche zum ersten Male selbständig sein
wollte, mit Vorwürfen überhäuft.
Der Vetter. Wie denkst du dir die Gefühle
dieses Mädchens, der man eine Häuslichkeit aufdringen will,
welche ihrem zarten Sinn gänzlich widerstrebt? Ich kenne die
holde Kleine; es ist die Tochter eines geheimen Oberfinanzrats,
ein natürliches, von jeder Ziererei entferntes Wesen, von
echtem weiblichen Sinn beseelt und mit jenem jedesmal richtig
treffenden Verstande und feinen Takt begabt, der Weibern dieser
Art stets eigen – Hoho, Vetter! das nenn ich glückliches
Zusammentreffen. Hier um die Ecke kommt das Gegenstück zu jenem
Bilde. Wie gefällt dir das Mädchen, Vetter?
Ich. Ei, welch eine niedliche, schlanke
Gestalt! – Jung – leichtfüßig – mit keckem, unbefangenem
Blick in die Welt hineinschauend – am Himmel stets Sonnenglanz
– in den Lüften stets lustige Musik – wie dreist, wie
sorglos sie dem dicken Haufen entgegenhüpft – die Servante,
die ihr mit dem Marktkorbe folgt, scheint eben nicht älter als
sie und zwischen beiden eine gewisse Kordialität zu herrschen
– die Mamsell hat gar hübsche Sachen an, der Shawl ist modern
– der Hut passend zur Morgentracht, so wie das Kleid von
geschmackvollem Muster – alles hübsch und anständig –
o weh! was erblicke ich, die Mamsell trägt weißseidene
Schuhe. Ausrangierte Ballchaussure auf dem Markt! –
Überhaupt, je länger ich das Mädchen beobachte, desto mehr
fällt mir eine gewisse Eigentümlichkeit auf, die ich mit
Worten nicht ausdrücken kann. – Es ist wahr, sie macht, so
wie es scheint, mit sorglicher Emsigkeit ihre Einkäufe, wählt
und wählt, feilscht und feilscht, spricht, gestikuliert, alles
mit einem lebendigen Wesen, das beinah bis zur Spannung geht;
mir ist aber, als wolle sie noch etwas anderes als eben
Hausbedürfnisse einkaufen. –
Der Vetter. Bravo, bravo, Vetter! dein Blick
schärft sich, wie ich merke. Sieh nur, mein Liebster, trotz der
modesten Kleidung hätten dir – die Leichtfüßigkeit des
ganzen Wesens abgerechnet – schon die weißseidenen Schuhe auf
dem Markt verraten müssen, daß die kleine Mamsell dem Ballett
oder überhaupt dem Theater angehört. Was sie sonst noch will,
dürfte sich vielleicht bald entwickeln – ha, getroffen! Schau
doch, lieber Vetter, ein wenig rechts die Straße hinauf und
sage mir, wen du auf dem Bürgersteig, vor dem Hotel, wo es
ziemlich einsam ist, erblickst?
Ich. Ich erblicke einen großen,
schlankgewachsenen Jüngling im gelben kurzgeschnittenen Flausch
mit schwarzem Kragen und Stahlknöpfen. Er trägt ein kleines
rotes, silbergesticktes Mützchen, unter dem schöne schwarze
Locken, beinahe zu üppig, hervorquillen. Den Ausdruck des
blassen, männlich schön geformten Gesichts erhöht nicht wenig
das kleine schwarze Stutzbärtchen auf der Oberlippe. Er hat
eine Mappe unter dem Arm – unbedenklich ein Student, der im
Begriff stand, ein Kollegium zu besuchen – aber fest
eingewurzelt steht er da, den Blick unverwandt nach dem Markt
gerichtet, und scheint Kollegium und alles um sich her zu
vergessen. –
Der Vetter. So ist es, lieber Vetter. Sein
ganzer Sinn ist auf unsere kleine Komödiantin gerichtet. Der
Zeitpunkt ist gekommen; er naht sich der großen Obstbude, in
der die schönste Ware appetitlich aufgetürmt ist, und scheint
nach Früchten zu fragen, die eben nicht zur Hand sind. Es ist
ganz unmöglich, daß ein guter Mittagstisch ohne Dessert von
Obst bestehen kann; unsere kleine Komödiantin muß daher ihre
Einkäufe für den Tisch des Hauses an der Obstbude
beschließen. Ein runder rotbäckiger Apfel entschlüpft
schalkhaft den kleinen Fingern – der Gelbe bückt sich
darnach, hebt ihn auf – ein leichter anmutiger Knix der
kleinen Theaterfee – das Gespräch ist im Gange –
wechselseitiger Rat und Beistand bei einer sattsam schwierigen
Apfelsinenwahl vollendet die gewiß bereits früher angeknüpfte
Bekanntschaft, indem sich zugleich das anmutige Rendezvous
gestaltet, welches gewiß auf mannigfache Weise wiederholt und
variiert wird. –
Ich. Mag der Musensohn liebeln und
Apfelsinen wählen, soviel er will; mich interessiert das nicht,
und zwar um so weniger, da mir dort an der Ecke der Hauptfronte
des Theaters, wo die Blumenverkäuferinnen ihre Ware feilbieten,
das Engelskind, die allerliebste Geheimeratstochter, von neuem
aufgestoßen ist.
Der Vetter. Nach den Blumen dort schau ich
nicht gerne hin, lieber Vetter; es hat damit eine eigne
Bewandtnis. Die Verkäuferin, welche der Regel nach den
schönsten Blumenflor ausgesuchter Nelken, Rosen und anderer
seltenerer Gewächse hält, ist ein ganz hübsches, artiges
Mädchen, strebend nach höherer Kultur des Geistes; denn sowie
sie der Handel nicht beschäftigt, liest sie emsig in Büchern,
deren Uniform zeigt, daß sie zur großen Kralowskischen
ästhetischen Hauptarmee gehören, welche bis in die
entferntesten Winkel der Residenz siegend das Licht der
Geistesbildung verbreitet. Ein lesendes Blumenmädchen ist für
einen belletristischen Schriftsteller ein unwiderstehlicher
Anblick. So kam es, daß, als vor langer Zeit mich der Weg bei
den Blumen vorbeiführte – auch an andern Tagen stehen die
Blumen zum Verkauf –, ich, das lesende Blumenmädchen
gewahrend, überrascht stehenblieb. Sie saß wie in einer
dichten Laube von blühenden Geranien und hatte das Buch
aufgeschlagen auf dem Schoße, den Kopf in die Hand gestützt.
Der Held mußte gerade in augenscheinlicher Gefahr oder sonst
ein wichtiger Moment der Handlung eingetreten sein; denn höher
glühten des Mädchens Wangen, ihre Lippen bebten, sie schien
ihrer Umgebung ganz entrückt. Vetter, ich will dir die seltsame
Schwäche eines Schriftstellers ganz ohne Rücksicht gestehen.
Ich war wie festgebannt an die Stelle – ich trippelte hin und
her; was mag das Mädchen lesen? Dieser Gedanke beschäftigte
meine ganze Seele. Der Geist der Schriftstellereitelkeit regte
sich und kitzelte mich mit der Ahnung, daß es eins meiner
eigenen Werke sei, was eben jetzt das Mädchen in die
phantastische Welt meiner Träumereien versetze. Endlich faßte
ich ein Herz, trat hinan und fragte nach dem Preise eines
Nelkenstocks, der in einer entfernten Reihe stand. Während daß
das Mädchen den Nelkenstock herbeiholte, nahm ich mit den
Worten: »Was lesen Sie denn da, mein schönes Kind?« das
geklappte Buch zur Hand. Oh! all ihr Himmel, es war wirklich ein
Werklein von mir, und zwar *** – Das Mädchen brachte die
Blumen herbei und gab zugleich den mäßigen Preis an. Was
Blumen, was Nelkenstock; das Mädchen war mir in diesem
Augenblick ein viel schätzenswerteres Publikum als die ganze
elegante Welt der Residenz. Aufgeregt, ganz entflammt von den
süßesten Autorgefühlen, fragte ich mit anscheinender
Gleichgültigkeit, wie denn dem Mädchen das Buch gefalle. »Ih,
mein lieber Herr«, erwiderte das Mädchen, »das ist ein gar
schnakisches Buch. Anfangs wird einem ein wenig wirrig im Kopfe;
aber dann ist es so, als wenn man mitten darin säße.« Zu
meinem nicht geringen Erstaunen erzählte mir das Mädchen den
Inhalt des kleinen Märchens ganz klar und deutlich, so daß ich
wohl einsah, wie sie es schon mehrmals gelesen haben mußte; sie
wiederholte, es sei ein gar schnakisches Buch, sie habe bald
herzlich lachen müssen, bald sei ihr ganz weinerlich zumute
geworden; sie gab mir den Rat, falls ich das Buch noch nicht
gelesen haben sollte, es mir nachmittags von Herrn Kralowski zu
holen, denn sie wechsele eben nachmittags Bücher. – Nun
sollte der große Schlag geschehn. Mit niedergeschlagenen Augen,
mit einer Stimme, die an Süßigkeit dem Honig von Hybla zu
vergleichen, mit dem seligen Lächeln des wonnerfüllten Autors,
lispelte ich: »Hier, mein süßer Engel, hier steht der Autor
des Buchs, welches Sie mit solchem Vergnügen erfüllt hat, vor
Ihnen in leibhaftiger Person.« Das Mädchen starrte mich
sprachlos an, mit großen Augen und offenem Munde. Das galt mir
für den Ausdruck der höchsten Verwunderung, ja eines freudigen
Schrecks, daß das sublime Genie, dessen schaffende Kraft solch
ein Werk erzeugt, so plötzlich bei den Geranien erschienen.
Vielleicht, dachte ich, als des Mädchens Miene unverändert
blieb, vielleicht glaubt sie auch gar nicht an den glücklichen
Zufall, der den berühmten Verfasser des in ihre Nähe bringt.
Ich suchte nun ihr auf alle mögliche Weise meine Identität mit
jenem Verfasser darzutun, aber es war, als sei sie versteinert,
und nichts entschlüpfte ihren Lippen, als: »Hm – so – I
das wäre – wie –.« Doch was soll ich dir die tiefe
Schmach, welche mich in diesem Augenblick traf, erst
weitläuftig beschreiben. Es fand sich, daß das Mädchen
niemals daran gedacht, daß die Bücher, welche sie lese, vorher
gedichtet werden müßten. Der Begriff eines Schriftstellers,
eines Dichters war ihr gänzlich fremd, und ich glaube
wahrhaftig, bei näherer Nachfrage wäre der fromme kindliche
Glaube ans Licht gekommen, daß der liebe Gott die Bücher
wachsen ließe wie die Pilze.
Ganz kleinlaut fragte ich nochmals nach dem
Preise des Nelkenstocks. Unterdessen mußte ein ganz andere
dunkle Idee von dem Verfertigen der Bücher dem Mädchen
aufgestiegen sein; denn da ich das Geld aufzählte, fragte sie
ganz naiv und unbefangen, ob ich alle Bücher beim Herrn
Kralowski mache – pfeilschnell schoß ich mit meinem
Nelkenstock von dannen.
Ich. Vetter, Vetter, das nenne ich gestrafte
Autoreitelkeit; doch während du mir deine tragische Geschichte
erzähltest, verwandte ich kein Auge von meiner Lieblingin. Bei
den Blumen allein ließ der übermütige Küchendämon ihr volle
Freiheit. Die grämliche Küchengouvernante hatte den schweren
Marktkorb an die Erde gesetzt und überließ sich, indem sie die
feisten Arme bald übereinanderschlug, bald, wie es der äußere
rhetorische Ausdruck der Rede zu erfordern schien, in die Seiten
stemmte, mit drei Kolleginnen der unbeschreiblichen Freude des
Gesprächs, und ihre Rede war, der Bibel entgegen, gewiß viel
mehr als ja, ja und nein, nein. Sieh nur, welch einen herrlichen
Blumenflor sich der holde Engel ausgewählt hat und von einem
rüstigen Burschen nachtragen läßt. Wie? Nein, das will mir
nicht ganz gefallen, daß sie im Wandeln Kirschen aus dem
kleinen Körbchen nascht; wie wird das feine Batisttuch, das
wahrscheinlich darin befindlich, sich mit dem Obst befreunden?
Der Vetter. Der jugendliche Appetit des
Augenblicks frägt nicht nach Kirschflecken, für die es
Kleesalz und andere probate Hausmittel gibt. Und das ist eben
die wahrhaft kindliche Unbefangenheit, daß die Kleine nun von
den Drangsalen des bösen Markts sich in wiedererlangter
Freiheit ganz gehen läßt. – Doch schon lange ist mir jener
Mann aufgefallen und ein unauflösbares Rätsel geblieben, der
eben jetzt dort an der zweiten entfernten Pumpe an dem Wagen
steht, auf dem ein Bauerweib aus einem großen Faß um ein
billiges Pflaumenmus verspendet. Fürs erste, lieber Vetter,
bewundere die Agilität des Weibes, das, mit einem langen
hölzernen Löffel bewaffnet, erst die großen Verkäufe zu
Viertel, halben und ganzen Pfunden beseitigt und dann den
gierigen Näschern, die ihre Papierchen, mitunter auch wohl ihre
Pelzmütze hinhalten, mit Blitzesschnelle das gewünschte
Dreierkleckschen zuwirft, welches sie sogleich als stattlichen
Morgenimbiß wohlgefällig verzehren – Kaviar des Volks! Bei
dem geschickten Verteilen des Pflaumenmuses mittelst des
geschwenkten Löffels fällt mir ein, daß ich einmal in meiner
Kindheit hörte, es sei auf einer reichen Bauerhochzeit so
splendid hergegangen, daß der delikate, mit einer dicken Kruste
von Zimt, Zucker und Nelken überhäutete Reisbrei mittelst
eines Dreschflegels verteilt worden. Jeder der werten Gäste
durfte nur ganz gemütlich das Maul aufsperren, um die gehörige
Portion zu bekommen, und es ging auf diese Weise recht zu wie im
Schlaraffenland. Doch, Vetter, hast du den Mann ins Auge
gefaßt?
Ich. Allerdings! – Wes Geistes Kind ist
die tolle abenteuerliche Figur? Ein wenigstens sechs Fuß hoher,
winddürrer Mann, der noch dazu kerzengrade mit eingebogenem
Rücken dasteht! Unter dem kleinen dreieckigen,
zusammengequetschten Hütchen starrt hinten die Kokarde eines
Haarbeutels hervor, der sich dann in voller Breite dem Rücken
sanft anschmiegt. Der graue, nach längst verjährter Sitte
zugeschnittene Rock schließt sich, vorne von oben bis unten
zugeknöpft, enge an den Leib an, ohne eine einzige Falte zu
werfen, und schon erst, als er an den Wagen schritt, konnte ich
bemerken, daß er schwarze Beinkleider, schwarze Strümpfe und
mächtige zinnerne Schnallen in den Schuhen trägt. Was mag er
nur in dem viereckigen Kasten haben, den er so sorglich unter
dem linken Arme trägt und der beinahe dem Kasten eines
Tabulettkrämers gleicht? –
Der Vetter. Das wirst du gleich erfahren,
schau nur aufmerksam hin.
Ich. Er schlägt den Deckel des Kastens
zurück – die Sonne scheint hinein – strahlende Reflexe –
der Kasten ist mit Blech gefüttert – er macht der
Pflaumenmusfrau, indem er das Hütchen vom Kopfe zieht, eine
beinahe ehrfurchtsvolle Verbeugung. – Was für ein
originelles, ausdrucksvolles Gesicht – feingeschlossene Lippen
– eine Habichtsnase – große, schwarze Augen –
hochstehende, starke Augenbrauen – eine hohe Stirn –
schwarzes Haar – das Toupet en cœur frisiert, mit kleinen
steifen Löckchen über den Ohren. – Er reicht den Kasten der
Bauerfrau auf den Wagen, die ihn ohne weiteres mit Pflaumenmus
füllt und ihm freundlich nickend wieder zurückreicht. – Mit
einer zweiten Verbeugung entfernt sich der Mann – er windet
sich hinan an die Heringstonne – er zieht ein Schubfach des
Kastens hervor, legt einige erhandelte Salzmänner hinein und
schiebt das Fach wieder zu – ein drittes Schubfach ist, wie
ich sehe, zu Petersilie und anderem Wurzelwerk bestimmt. – Nun
durchschneidet er mit langen, gravitätischen Schritten den
Markt in verschiedenen Richtungen, bis ihn der reiche, auf einem
Tisch ausgebreitete Vorrat von getupftem Geflügel festhält. So
wie überall, macht er auch hier, ehe er zu feilschen beginnt,
einige tiefe Verbeugungen – er spricht viel und lange mit der
Frau, die ihn mit besonders freundlicher Miene anhört – er
setzt den Kasten behutsam auf den Boden nieder und ergreift zwei
Enten, die er ganz bequem in die weite Rocktasche schiebt. –
Himmel! es folgt noch eine Gans – den Puter schaut er bloß an
mit liebäugelnden Blicken – er kann doch nicht unterlassen,
ihn wenigstens mit dem Zeige- und Mittelfinger liebkosend zu
berühren –; schnell hebt er seinen Kasten auf, verbeugt
sich gegen das Weib ungemein verbindlich und schreitet, sich mit
Gewalt losreißend von dem verführerischen Gegenstand seiner
Begierde, von dannen – er steuert geradezu los auf die
Fleischerbuden – ist der Mensch ein Koch, der für ein
Gastmahl zu sorgen hat? – er erhandelt eine Kalbskeule, die er
noch in eine seiner Riesentaschen gleiten läßt. – Nun ist er
fertig mit seinem Einkauf; er geht die Charlottenstraße herauf
mit solchem ganz seltsamen Anstand und Wesen, daß er aus
irgendeinem fremden Lande hinabgeschneit zu sein scheint.
Der Vetter. Genug habe ich mir schon über
diese exotische Figur den Kopf zerbrochen. – Was denkst du,
Vetter, zu meiner Hypothese? Dieser Mensch ist ein alter
Zeichenmeister, der in mittelmäßigen Schulanstalten sein Wesen
getrieben hat und vielleicht noch treibt. Durch allerlei
industriöse Unternehmungen hat er viel Geld erworben; er ist
geizig, mißtrauisch, Zyniker bis zum Ekelhaften, Hagestolz –
nur einem Gott opfert er – dem Bauche; – seine ganze Lust
ist, gut zu essen, versteht sich allein auf seinem Zimmer; –
er ist durchaus ohne alle Bedienung, er besorgt alles selbst –
an Markttagen holt er, wie du gesehen hast, seine
Lebensbedürfnisse für die halbe Woche und bereitet in einer
kleinen Küche, die dicht bei seinem armseligen Stübchen
belegen, selbst seine Speisen, die er dann, da der Koch es stets
dem Gaumen des Herrn zu Dank macht, mit gierigem, ja vielleicht
tierischem Appetit verzehrt. Wie geschickt und zweckmäßig er
einen alten Malkasten zum Marktkorbe aptiert hat, auch das hast
du bemerkt, lieber Vetter.
Ich. Weg von dem widrigen Menschen.
Der Vetter. Warum widrig? Es muß auch
solche Käuze geben, sagt ein welterfahrner Mann, und er hat
recht, denn die Varietät kann nie bunt genug sein. Doch
mißfällt dir der Mann so sehr, lieber Vetter, so kann ich dir
darüber, was er ist, tut und treibt, noch eine andere Hypothese
aufstellen. Vier Franzosen, und zwar sämtlich Pariser, ein
Sprachmeister, ein Fechtmeister, ein Tanzmeister und ein
Pastetenbäcker, kamen in ihren Jugendjahren gleichzeitig nach
Berlin und fanden, wie es damals (gegen das Ende des vorigen
Jahrhunderts) gar nicht fehlen konnte, ihr reichliches Brot.
Seit dem Augenblick, als die Diligence sie auf der Reise
vereinigte, schlossen sie den engsten Freundschaftsbund, blieben
ein Herz und eine Seele und verlebten jeden Abend nach
vollbrachter Arbeit zusammen, als echte alte Franzosen, in
lebhafter Konversation, bei frugalem Abendessen. Des
Tanzmeisters Beine waren stumpf worden, des Fechtmeisters Arme
durch das Alter entnervt, dem Sprachmeister Rivale, die sich der
neuesten Pariser Mundart rühmten, über den Kopf gestiegen, und
die schlauen Erfindungen des Pastetenbäckers überboten
jüngere Gaumenkitzler, von den eigensinnigsten Gastronomen in
Paris ausgebildet.
Aber jeder des treu verbundenen Quatuors hatte
indessen sein Schäfchen ins trockne gebracht. Sie zogen
zusammen in eine geräumige, ganz artige, jedoch entlegene
Wohnung, gaben ihre Geschäfte auf und lebten zusammen,
altfranzösischer Sitte getreu, ganz lustig und sorgenfrei, da
sie selbst den Bekümmernissen und Lasten der unglücklichen
Zeit geschickt zu entgehen wußten. Jeder hat ein besonderes
Geschäft, wodurch der Nutzen und das Vergnügen der Sozietät
befördert wird. Der Tanzmeister und der Fechtmeister besuchen
ihre alten Scholaren, ausgediente Offiziers von höherm Range,
Kammerherren, Hofmarschälle usw.; denn sie hatten die
vornehmste Praxis, und sammeln die Neuigkeiten des Tages zum
Stoff für ihre Unterhaltung, der nie ausgehen darf. Der
Sprachmeister durchwühlt die Läden der Antiquare, um immer
mehr französische Werke auszumitteln, deren Sprache die
Akademie gebilligt hat. Der Pastetenbäcker sorgt für die
Küche; er kauft ebensogut selbst ein, als er die Speisen
ebenfalls selbst bereitet, worin ihm ein alter französischer
Hausknecht beisteht. Außer diesem besorgt für jetzt, da eine
alte zahnlose Französin, die sich von der französischen
Gouvernante bis zur Aufwaschmagd heruntergedient hatte,
gestorben, ein pausbäckiger Junge, den die vier von den
Orphelins françois zu sich genommen, die Bedienung. – Dort
geht der kleine Himmelblaue, an einem Arm einen Korb mit
Mundsemmeln, an dem andern einen Korb, in dem der Salat hoch
aufgetürmt ist. – So habe ich den widrigen zynischen
deutschen Zeichenmeister augenblicklich zum gemütlichen
französischen Pastetenbäcker umgeschaffen, und ich glaube,
daß sein Äußeres, sein ganzes Wesen recht gut dazu paßt.
Ich. Diese Erfindung macht deinem
Schriftstellertalent Ehre, lieber Vetter. Doch mir leuchten
schon seit ein paar Minuten dort jene hohen weißen
Schwungfedern in die Augen, die sich aus dem dicksten Gedränge
des Volkes emporheben. Endlich tritt die Gestalt dicht bei der
Pumpe hervor – ein großes, schlankgewachsenes Frauenzimmer
von gar nicht üblem Ansehen – der Überrock von rosarotem
schweren Seidenzeuge ist funkelnagelneu – der Hut von der
neuesten Fasson, der daran befestigte Schleier von schönen
Spitzen – weiße Glacéhandschuhe. – Was nötigte die
elegante, wahrscheinlich zu einem Dejeuner eingeladene Dame,
sich durch das Gewühl des Marktes zu drängen? – Doch wie,
auch sie gehört zu den Einkäuferinnen? Sie steht still und
winkt einem alten, schmutzigen, zerlumpten Weibe, die ihr, ein
lebhaftes Bild der Misere im Hefen des Volks, mit einem
halbzerbrochenen Marktkorbe am Arm mühsam nachhinkt. Die
geputzte Dame winkt an der Ecke des Theatergebäudes, um dem
erblindeten Landwehrmann, der dort an die Mauer gelehnt steht,
ein Almosen zu geben. Sie zieht mit Mühe den Handschuh von der
rechten Hand – hilf Himmel! eine blutrote, noch dazu ziemlich
mannhaft gebaute Faust kommt zum Vorschein. Doch ohne lange zu
suchen und zu wählen, drückt sie dem Blinden rasch ein Stück
Geld in die Hand, läuft rasch bis in die Mitte der
Charlottenstraße und setzt sich dann in einen majestätischen
Promenadenschritt, mit dem sie, ohne sich weiter um ihre
zerlumpte Begleiterin zu kümmern, die Charlottenstraße hinauf
nach den Linden wandelt.
Der Vetter. Das Weib hat, um sich
auszuruhen, den Korb an die Erde gesetzt, und du kannst mit
einem Blick den ganzen Einkauf der eleganten Dame übersehen.
Ich. Der ist in der Tat wunderlich genug.
– Ein Kohlkopf – viele Kartoffeln – einige Äpfel – ein
kleines Brot – einige Heringe in Papier gewickelt – ein
Schafkäse, nicht von der appetitlichsten Farbe – eine
Hammelleber – ein kleiner Rosenstock – ein Paar Pantoffeln
– ein Stiefelknecht – Was in aller Welt –
Der Vetter. Still, still, Vetter, genug von
der Rosenroten! – Betrachte aufmerksam jenen Blinden, dem das
leichtsinnige Kind der Verderbnis Almosen spendete. Gibt es ein
rührenderes Bild unverdienten menschlichen Elends und frommer,
in Gott und Schicksal ergebener Resignation? Mit dem Rücken an
die Mauer des Theaters gelehnt, beide abgedürrte Knochenhände
auf einen Stab gestützt, den er einen Schritt vorgeschoben,
damit das unvernünftige Volk ihm nicht über die Füße laufe,
das leichenblasse Antlitz emporgehoben, das Landwehrmützchen in
die Augen gedrückt, steht er regungslos vom frühen Morgen bis
zum Schluß des Markts an derselben Stelle. –
Ich. Er bettelt, und doch ist für die
erblindeten Krieger so gut gesorgt.
Der Vetter. Du bist in gar großem Irrtum,
lieber Vetter. Dieser arme Mensch macht den Knecht eines Weibes,
welches Gemüse feilhält, und die zu der niedrigeren Klasse
dieser Verkäuferinnen gehört, da die vornehmere das Gemüse in
auf Wagen gepackten Körben herbeifahren läßt. Dieser Blinde
kommt nämlich jeden Morgen, mit vollen Gemüsekörben bepackt,
wie ein Lasttier, so daß ihn die Bürde beinahe zu Boden
drückt und er sich nur mit Mühe im wankenden Schritt mittelst
des Stabes aufrecht erhält, herbei. Eine große, robuste Frau,
in deren Dienste er steht, oder die ihn vielleicht nur eben zum
Hinschaffen des Gemüses auf den Markt gebraucht, gibt sich,
wenn nun seine Kräfte beinahe ganz erschöpft sind, kaum die
Mühe, ihn beim Arm zu ergreifen und weiter an Ort und Stelle,
nämlich eben an den Platz, den er jetzt einnimmt, hinzuhelfen.
Hier nimmt sie ihm die Körbe vom Rücken, die sie selbst
hinüberträgt, und läßt ihn stehen, ohne sich im mindesten um
ihn eher zu bekümmern, als bis der Markt geendet ist und sie
ihm die ganz oder nur zum Teil geleerten Körbe wieder aufpackt.
Ich. Es ist doch merkwürdig, daß man die
Blindheit, sollten auch die Augen nicht verschlossen sein, oder
sollte auch kein anderer sichtbarer Fehler den Mangel des
Gesichts verraten, dennoch an der emporgerichteten Stellung des
Hauptes, die den Erblindeten eigentümlich, sogleich erkennt; es
scheint darin ein fortwährendes Streben zu liegen, etwas in der
Nacht, die den Blinden umschließt, zu erschauen.
Der Vetter. Es gibt für mich keinen
rührendern Anblick, als wenn ich einen solchen Blinden sehe,
der mit emporgerichtetem Haupt in die weite Ferne zu schauen
scheint. Untergegangen ist für den Armen die Abendröte des
Lebens, aber sein inneres Auge strebt schon das ewige Licht zu
erblicken, das ihm in dem jenseits voll Trost, Hoffnung und
Seligkeit leuchtet. – Doch ich werde zu ernst. Der blinde
Landwehrmann bietet mir jeden Markttag einen Schatz von
Bemerkungen dar. Du gewahrst, lieber Vetter, wie sich bei diesem
armen Menschen die Mildtätigkeit der Berliner recht lebhaft
ausspricht. Oft ziehen ganze Reihen bei ihm vorüber, und keiner
daraus verfehlt ihm ein Almosen zu reichen. Aber die Art und
Weise, wie dieses Almosen gereicht wird, hierin liegt alles.
Schau einmal, lieber Vetter, eine Zeitlang hin und sag mir, was
du gewahrst.
Ich. Eben kommen drei, vier, fünf
stattliche derbe Hausmägde; die mit zum Teil schwer ins Gewicht
fallenden Waren übermäßig vollgepackten Körbe schneiden
ihnen beinahe die nervichten, blau aufgelaufenen Arme wund; sie
haben Ursache zu eilen, um ihre Last loszuwerden, und doch weilt
jede einen Augenblick, greift schnell in den Marktkorb und
drückt dem Blinden ein Stück Geld, ohne ihn einmal anzusehen,
in die Hand. Die Ausgabe steht als notwendig und unerläßlich
auf dem Etat des Markttages. Das ist recht! Da kommt eine Frau,
deren Anzuge, deren ganzem Wesen man die Behaglichkeit und
Wohlhabenheit deutlich anmerkt – sie bleibt vor dem Invaliden
stehen, zieht ein Beutelchen hervor und sucht und sucht, und
kein Stück Geld scheint ihr klein genug zum Akt der
Wohltätigkeit, den sie zu vollführen gedenkt – sie ruft
ihrer Köchin zu – es findet sich, daß auch dieser die kleine
Münze ausgegangen – sie muß erst bei den Gemüseweibern
wechseln – endlich ist der zu verschenkende Dreier
herbeigeschafft – nun klopft sie den Blinden auf die Hand,
damit er ja merke, daß er etwas empfangen werde – er öffnet
den Handteller – die wohltätige Dame drückt ihm das
Geldstück hinein und schließt ihm die Faust, damit die
splendide Gabe ja nicht verloren gehe. – Warum trippelt die
kleine niedliche Mamsell so hin und her und nähert sich immer
mehr und mehr dem Blinden? Ha, im Vorbeihuschen hat sie schnell,
daß es gewiß niemand als ich, der ich sie auf dem Kern meines
Glases habe, bemerkte, dem Blinden ein Stück Geld in die Hand
gesteckt – das war gewiß kein Dreier. Der glatte,
wohlgemästete Mann im braunen Rocke, der dort so gemütlich
dahergeschritten kommt, ist gewiß ein sehr reicher Bürger.
Auch er bleibt vor dem Blinden stehen und läßt sich in ein
langes Gespräch mit ihm ein, indem er den übrigen Leuten den
Weg versperrt und sie hindert, dem Blinden Almosen zu spenden;
endlich, endlich zieht er eine mächtige grüne Geldbörse aus
der Tasche, entknüpft sie nicht ohne Mühe und wühlt so
entsetzlich im Gelde, daß ich glaube, es bis hieher klappern zu
hören. – Parturiunt montes! – Doch will ich wirklich
glauben, daß der edle Menschenfreund, vom Bilde des Jammers
hingerissen, sich bis zum schlechten Groschen verstieg. – Bei
allem dem meine ich doch, daß der Blinde an den Markttagen nach
seiner Art keine geringe Einnahme macht, und mich wundert, daß
er alles ohne das mindeste Zeichen von Dankbarkeit annimmt; nur
eine leise Bewegung der Lippen, die ich wahrzunehmen glaube,
zeigt, daß er etwas spricht, was wohl Dank sein mag – doch
auch diese Bewegung bemerke ich nur zuweilen.
Der Vetter. Da hast du den entschiedenen
Ausdruck vollkommen abgeschlossener Resignation: was ist ihm das
Geld, er kann es nicht nutzen; erst in der Hand eines andern,
dem er sich rücksichtslos anvertrauen muß, erhält es seinen
Wert – ich kann mich sehr irren, aber mir scheint, als wenn
das Weib, deren Gemüsekörbe er trägt, eine fatale böse
Sieben sei, die den Armen schlecht hält, unerachtet sie höchst
wahrscheinlich alles Geld, was er empfängt, in Beschlag nimmt.
Jedesmal, wenn sie die Körbe zurückbringt, keift sie mit dem
Blinden, und zwar in dem Grade mehr oder weniger, als sie einen
bessern oder schlechtem Markt gemacht hat. Schon das
leichenblasse Gesicht, die abgehungerte Gestalt, die zerlumpte
Kleidung des Blinden läßt vermuten, daß seine Lage schlimm
genug ist, und es wäre die Sache eines tätigen
Menschenfreundes, diesem Verhältnis näher nachzuforschen.
Ich. Indem ich den ganzen Markt überschaue,
bemerke ich, daß die Mehlwagen dort, über die Tücher wie
Zelte aufgespannt sind, deshalb einen malerischen Anblick
gewähren, weil sie dem Auge ein Stützpunkt sind, um den sich
die bunte Masse zu deutlichen Gruppen bildet.
Der Vetter. Von den weißen Mehlwagen und
den mehlbestaubten Mühlknappen und Müllermädchen mit
rosenroten Wangen, jede eine bella molinara, kenne ich gerade
auch etwas Entgegengesetztes. Mit Schmerz vermisse ich nämlich
eine Köhlerfamilie, die sonst ihre Ware geradeüber meinem
Fenster am Theater feilbot und jetzt hinübergewiesen sein soll
auf die andere Seite. Diese Familie besteht aus einem großen
robusten Mann mit ausdrucksvollem Gesicht, markichten Zügen,
heftig, beinahe gewaltsam in seinen Bewegungen, genug, ganz
treues Abbild der Köhler, wie sie in Romanen vorzukommen
pflegen. In der Tat, begegnete ich diesem Manne einsam im Walde,
es würde mich ein wenig frösteln, und seine freundschaftliche
Gesinnung würde mir in dem Augenblicke die liebste auf Erden
sein. Diesem Mann steht als zweites Glied der Familie im
schneidendsten Kontrast ein kaum vier Fuß hoher, seltsam
verwachsener Kerl entgegen, der die Possierlichkeit selbst ist.
Du weißt, lieber Vetter, daß es Leute gibt von gar seltsamem
Bau; auf den ersten Blick muß man sie für bucklig erkennen,
und doch vermag man bei näherer Betrachtung durchaus nicht
anzugeben, wo ihnen denn eigentlich der Buckel sitzt.
Ich. Ich erinnere mich hiebei des naiven
Ausspruchs eines geistreichen Militärs, der mit einem solchen
Naturspiel in Geschäften viel zu tun hatte, und dem das
Unergründliche des wunderlichen Baues ein Anstoß war. »Einen
Buckel«, sagte er, »einen Buckel hat der Mensch; aber wo ihm
der Buckel sitzt, das weiß der Teufel!« –
Der Vetter. Die Natur hatte im Sinn, aus
meinem kleinen Kohlenbrenner eine riesenhafte Figur von etwa
sieben Fuß zu bilden, denn dieses zeigen die kolossalen Hände
und Füße, beinahe die größten, die ich in meinem Leben
gesehen. Dieser kleine Kerl, mit einem großkragigen Mäntelchen
bekleidet, eine wunderliche Pelzmütze auf dem Haupte, ist in
steter rastloser Unruhe; mit einer unangenehmen Beweglichkeit
hüpft und trippelt er hin und her, ist bald hier, bald dort und
müht sich, den Liebenswürdigen, den Scharmanten, den primo
amoroso des Markts zu spielen. Kein Frauenzimmer, gehört sie
nicht geradehin zum vornehmeren Stande, läßt er vorübergehn,
ohne ihm nachzutrippeln und mit ganz unnachahmlichen Stellungen,
Gebärden und Grimassen Süßigkeiten auszustoßen, die nun
freilich im Geschmack der Kohlenbrenner sein mögen. Zuweilen
treibt er die Galanterie so weit, daß er im Gespräch den Arm
sanft um die Hüften des Mädchens schlingt und, die Mütze in
der Hand, der Schönheit huldigt oder ihr seine Ritterdienste
anbietet. Merkwürdig genug, daß die Mädchen sich nicht allein
das gefallen lassen, sondern überdem dem kleinen Ungetüm
freundlich zunicken und seine Galanterien überhaupt gar gerne
zu haben scheinen. Dieser kleine Kerl ist gewiß mit einer
reichen Dosis von natürlichem Mutterwitz, dem entschiedenen
Talent fürs Possierliche und der Kraft, es darzustellen,
begabt. Er ist der Pagliasso, der Tausendsasa, der
Allerweltskerl in der ganzen Gegend, die den Wald umschließt,
wo er hauset; ohne ihn kann keine Kindtaufe, kein
Hochzeitsschmaus, kein Tanz im Kruge, kein Gelag bestehen; man
freuet sich auf seine Späße und belacht sie das ganze Jahr
hindurch. Der Rest der Familie besteht, da die Kinder und
etwanigen Mägde zu Hause gelassen werden, nur noch aus zwei
Weibern von robustem Bau und finsterm, mürrischem Ansehen, wozu
freilich der Kohlenstaub, der sich in den Falten des Gesichts
festsetzt, viel beiträgt. Die zärtliche Anhänglichkeit eines
großen Spitzes, mit dem die Familie jeden Bissen teilt, den sie
während des Marktes selbst genießt, zeigte mir übrigens, daß
es in der Köhlerhütte recht ehrlich und patriarchalisch
zugehen mag. Der Kleine hat übrigens Riesenkräfte, weshalb die
Familie ihn dazu braucht, die verkauften Kohlensäcke den
Käufern ins Haus zu schaffen. Ich sah oft ihn von den Weibern
mit wohl zehn großen Körben bepacken, die sie hoch
übereinander auf seinen Rücken häuften, und er hüpfte damit
fort, als fühle er keine Last. Von hinten sah nun die Figur so
toll und abenteuerlich aus, als man nur etwas sehen kann.
Natürlicherweise gewahrte man von der werten Figur des Kleinen
auch nicht das allermindeste, sondern bloß einen ungeheuren
Kohlensack, dem unten ein Paar Füßchen angewachsen waren. Es
schien ein fabelhaftes Tier, eine Art märchenhaftes Känguruh
über den Markt zu hüpfen.
Ich. Sieh, sieh, Vetter! Dort an der Kirche
entsteht Lärm. Zwei Gemüseweiber sind wahrscheinlich über das
leidige Meum und Tuum in heftigen Streit geraten und scheinen,
die Fäuste in die Seiten gestemmt, sich mit feinen Redensarten
zu bedienen. Das Volk läuft zusammen – ein dichter Kreis
umschließt die Zankenden – immer stärker und gellender
erheben sich die Stimmen – immer heftiger fechten sie mit den
Händen durch die Lüfte – immer näher rücken sie sich auf
den Leib – gleich wird es zum Faustkampf kommen – die
Polizei macht sich Platz – wie? Plötzlich erblicke ich eine
Menge Glanzhüte zwischen den Zornigen – im Augenblick gelingt
es den Gevatterinnen, die erhitzten Gemüter zu besänftigen –
aus ist der Streit – ohne Hilfe der Polizei – ruhig kehren
die Weiber zu ihren Gemüsekörben zurück – das Volk, welches
nur einigemal, wahrscheinlich bei besonders drastischen Momenten
des Streits, durch lautes Aufjauchzen seinen Beifall zu erkennen
gab, läuft auseinander.
Der Vetter. Du bemerkst, lieber Vetter, daß
dieses während der ganzen langen Zeit, die wir hier am Fenster
zugebracht, der einzige Zank war, der sich auf dem Markte
entspann und der lediglich durch das Volk selbst beschwichtigt
wurde. Selbst ein ernsterer, bedrohlicherer Zank wird gemeinhin
von dem Volke selbst auf diese Weise gedämpft, daß sich alles
zwischen die Streitenden drängt und sie auseinanderbringt. Am
vorigen Markttage stand zwischen den Fleisch- und Obstbuden ein
großer, abgelumpter Kerl von frechem, wildem Ansehn, der mit
dem vorübergehenden Fleischerknecht plötzlich in Streit
geriet; er führte ohne weiteres mit dem furchtbaren Knittel,
den er wie ein Gewehr über die Schulter gelehnt trug, einen
Schlag gegen den Knecht, der diesen wahrscheinlich auf der
Stelle zu Boden gestreckt haben würde, wäre er nicht geschickt
ausgewichen und in seine Bude gesprungen. Hier bewaffnete er
sich aber mit einer gewaltigen Fleischeraxt und wollte dem Kerl
zu Leibe. Alle Aspekten waren dazu da, daß das Ding sich mit
Mord und Totschlag endigen und das Kriminalgericht in Tätigkeit
gesetzt werden würde. Die Obstfrauen, lauter kräftige und
wohlgenährte Gestalten, fanden sich aber verpflichtet, den
Fleischerknecht so liebreich und fest zu umarmen, daß er sich
nicht aus der Stelle zu rühren vermochte; er stand da mit hoch
emporgeschwungener Waffe, wie es in jener pathetischen Rede vom
rauhen Pyrrhus heißt:
»wie ein gemalter Wütrich, und wie
parteilos zwischen Kraft und Willen, tat er nichts.«
Unterdessen hatten andere Weiber,
Bürstenbinder, Stiefelknechtverkäufer usw., den Kerl
umringend, der Polizei Zeit gegönnt, heranzukommen und sich
seiner, der mir ein freigelassener Sträfling schien, zu
bemächtigen.
Ich. Also herrscht in der Tat im Volk ein
Sinn für die zu erhaltende Ordnung, der nicht anders als für
alle sehr ersprießlich wirken kann.
Der Vetter. Überhaupt, mein lieber Vetter,
haben mich meine Beobachtungen des Marktes in der Meinung
bestärkt, daß mit dem Berliner Volk seit jener
Unglücksperiode, als ein frecher, übermütiger Feind das Land
überschwemmte und sich vergebens mühte, den Geist zu
unterdrücken, der bald wie eine gewaltsam zusammengedrückte
Spiralfeder mit erneuter Kraft emporsprang, eine merkwürdige
Veränderung vorgegangen ist. Mit einem Wort: das Volk
hat an äußerer Sittlichkeit gewonnen; und wenn du dich einmal
an einem schönen Sommertage gleich nachmittags nach den Zelten
bemühst und die Gesellschaften beobachtest, welche sich nach
Moabit einschiffen lassen, so wirst du selbst unter gemeinen
Mägden und Tagelöhnern ein Streben nach einer gewissen
Courtoisie bemerken, das ganz ergötzlich ist. Es ist der Masse
so gegangen, wie dem einzelnen, der viel Neues gesehn, viel
Ungewöhnliches erfahren, und der mit dem Nil admirari die
Geschmeidigkeit der äußern Sitte gewonnen. Sonst war das
Berliner Volk roh und brutal; man durfte z. B. als Fremder
kaum nach einer Straße oder nach einem Hause oder sonst nach
etwas fragen, ohne eine grobe oder verhöhnende Antwort zu
erhalten oder durch falschen Bescheid gefoppt zu werden. Der
Berliner Straßenjunge, der den kleinsten Anlaß, einen etwas
auffallenden Anzug, einen lächerlichen Unfall, der jemanden
geschah, zu dem abscheulichsten Frevel benutzte, existiert nicht
mehr. Denn jene Zigarrenjungen vor den Toren, die den »fidelen
Hamburger avec du feu« ausbieten, diese Galgenstricke, welche
ihr Leben in Spandau oder Straußberg oder, wie noch kürzlich
einer von ihrer Rasse, auf dem Schafott endigen, sind keineswegs
das, was der eigentliche Berliner Straßenjunge war, der, nicht
Vagabund, sondern gewöhnlich Lehrbursche bei einem Meister –
es ist lächerlich zu sagen – bei aller Gottlosigkeit und
Verderbnis doch ein gewisses Point d'Honneur besaß, und dem es
an gar drolligem Mutterwitz nicht mangelte.
Ich. Oh, lieber Vetter, laß mich dir in
aller Geschwindigkeit sagen, wie neulich mich ein solcher
fataler Volkswitz tief beschämt hat. Ich gehe vors
Brandenburger Tor und werde von Charlottenburger Fuhrleuten
verfolgt, die mich zum Aufsitzen einladen; einer von ihnen, ein
höchstens sechzehn-, siebzehnjähriger Junge, trieb die
Unverschämtheit so weit, daß er mich mit seiner schmutzigen
Faust beim Arm packt. »Will Er mich wohl nicht anfassen!«
fahre ich ihn zornig an. »Nun Herr«, erwiderte der Junge ganz
gelassen, indem er mich mit seinen großen, stieren Augen
anglotzte, »nun Herr, warum soll ich Ihnen denn nicht anfassen;
sind Sie vielleicht nicht ehrlich?«
Der Vetter. Haha! dieser Witz ist wirklich
einer, aber recht aus der stinkenden Grube der tiefsten
Depravation gestiegen. – Die Witzwörter der Berliner
Obstweiber u. a. waren sonst weltberühmt, und man tat
ihnen sogar die Ehre an, sie Shakespearesch zu nennen,
unerachtet bei näherer Beleuchtung ihre Energie und
Originalität nur vorzüglich in der schamlosen Frechheit
bestand, womit sie den niederträchtigsten Schmutz als bekannte
Schüssel auftischten. – Sonst war der Markt der Tummelplatz
des Zanks, der Prügeleien, des Betrugs, des Diebstahls, und
keine honette Frau durfte es wagen, ihren Einkauf selbst
besorgen zu wollen, ohne sich der größten Unbill auszusetzen.
Denn nicht allein daß das Hökervolk gegen sich selbst und alle
Welt zu Felde zog, so gingen noch Menschen ausdrücklich darauf
aus, Unruhe zu erregen, um dabei im trüben zu fischen, wie
z. B. das aus allen Ecken und Enden der Welt
zusammengeworbene Gesindel, welches damals in den Regimentern
steckte. Sieh, lieber Vetter, wie jetzt dagegen der Markt das
anmutige Bild der Wohlbehaglichkeit und des sittlichen Friedens
darbietet. Ich weiß, enthusiastische Rigoristen,
hyperpatriotische Aszetiker eifern grimmig gegen diesen
vermehrten äußern Anstand des Volks, indem sie meinen, daß
mit dieser Abgeschliffenheit der Sitte auch das Volkstümliche
abgeschliffen werde und verloren gehe. Ich meinesteils bin der
festen, innigsten Überzeugung, daß ein Volk, das sowohl den
Einheimischen als den Fremden nicht mit Grobheit oder
höhnischer Verachtung, sondern mit höflicher Sitte behandelt,
dadurch unmöglich seinen Charakter einbüßen kann. Mit einem
sehr auffallenden Beispiel, welches die Wahrheit meiner
Behauptung dartut, würde ich bei jenen Rigoristen gar übel
wegkommen.
Immer mehr hatte sich das Gedränge vermindert;
immer leerer und leerer war der Markt worden. Die
Gemüseverkäuferinnen packten ihre Körbe zum Teil auf
herbeigekommene Wagen, zum Teil schleppten sie sie selbst fort
– die Mehlwagen fuhren ab – die Gärtnerinnen schafften den
übriggebliebenen Blumenvorrat auf großen Schiebkarren fort –
geschäftiger zeigte sich die Polizei, alles und vorzüglich die
Wagenreihe in gehöriger Ordnung zu erhalten; diese Ordnung
wäre auch nicht gestört, wenn es nicht hin und wieder einem
schismatischen Bauerjungen eingefallen wäre, quer über den
Platz seine eigne neue Beringsstraße zu entdecken, zu verfolgen
und seinen kühnen Lauf mitten durch die Obstbuden, geradezu
nach der Türe der deutschen Kirche, zu richten. Das gab denn
viel Geschrei und viel Ungemach des zu genialen Wagenlenkers.
»Dieser Markt«, sprach der Vetter, »ist auch jetzt ein treues
Abbild des ewig wechselnden Lebens. Rege Tätigkeit, das
Bedürfnis des Augenblicks trieb die Menschenmasse zusammen; in
wenigen Augenblicken ist alles verödet, die Stimmen, welche im
wirren Getöse durcheinanderströmten, sind verklungen, und jede
verlassene Stelle spricht das schauerliche: ›Es war!‹ nur zu
lebhaft aus.« – Es schlug ein Uhr, der grämliche Invalide
trat ins Kabinett und meinte mit verzogenem Gesicht: der Herr
möge doch nun endlich das Fenster verlassen und essen, da sonst
die auf getragenen Speisen wieder kalt würden. »Also hast du
doch Appetit, lieber Vetter?« fragte ich. »O ja«,
erwiderte der Vetter mit schmerzlichem Lächeln, »du wirst es
gleich sehen.«
Der Invalide rollte ihn ins Zimmer. Die
aufgetragenen Speisen bestanden in einem mäßigen, mit
Fleischbrühe gefüllten Suppenteller, einem in Salz aufrecht
gestellten, weichgesottenen Ei und einer halben Mundsemmel.
»Ein einziger Bissen mehr«, sprach der Vetter
leise und wehmütig, indem er meine Hand drückte, »das
kleinste Stückchen des verdaulichsten Fleisches verursacht mir
die entsetzlichsten Schmerzen und raubt mir allen Lebensmut und
das letzte Fünkchen von guter Laune, das noch hin und wieder
aufglimmen will.«
Ich wies nach dem am Bettschirm befestigten
Blatt, indem ich mich dem Vetter an die Brust warf und ihn
heftig an mich drückte.
»Ja, Vetter!« rief er mit einer Stimme, die
mein Innerstes durchdrang und es mit herzzerschneidender Wehmut
erfüllte, »ja Vetter: Et si male nunc, non olim sic erit!